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Verteilerreise nach Ostròda/Polen vom 13. bis zum 18.12.2011

Teilnehmer:

Frau Diana Molnar, Leiterin der Aktion "Weihnachten im Schuhkarton"

Frau Margret Gülker, Mitarbeiterin im WiS-Büro aus Berlin

Frau Rothe-Oswald, Sammelstellenleiterin aus Berlin

Frau Inge Koy, Sammelstellenleiterin aus Herne

 

In diesem Jahr hatte ich als Sammelstellenleiterin das Glück, einen der Plätze zur Verteilerreise nach Polen zu bekommen. So kann ich hier aus erster Hand berichten, wie eine solche Aktion durchgeführt wird.

Am 13.12. bin ich morgens in Berlin angekommen. Mit meinen Reisebegleiterinnen geht es nach einer kurzen Vorstellung gleich weiter mit einem PKW in Richtung Polen. Unser Ziel ist eine Unterkunft in Ostròda (Ostpreußen). Die Schuhkartons wurden vorab per LKW ins Zielgebiet gebracht.

Der 14.12. begann mit einem Besuch der Kinderabteilung der Sozialstation (d.h. hier nur Kinder, deren Eltern keine Krankenversicherung haben und wo der Staat über die Sozialleistungen eine Grundversorgung wahrnimmt) des örtlichen Krankenhauses. Wir verteilen die Schuhkartons an 25 Kinder zwischen 2-14 Jahren. Hier hatte ich auch mein erstes Erlebnis: Ich beschenkte ein Mädchen mit einem schön gepackten Schuhkarton, der unter anderem 4 Wollknäule enthielt. Bei den Knäulen war ich mir nicht ganz sicher, wie diese aufgenommen würden. Das Mädchen bekam aber beim Anblick der Wolle große, strahlende Augen. Genau das habe sie sich gewünscht, denn sie knüpfe Lesezeichen und ihre Wolle sei gerade ausgegangen. Passender hätte der Schuhkarton nicht ankommen können.

Im Krankenhaus treffen wir den Landrat des Bezirks Ostroda, Wlodzimierz Brodiuk. Er begrüßt uns herzlich und dankt uns für die Päckchen. Auf die Frage, was ihm diese bedeuten, antwortet er: „Schauen Sie in die Augen der Kinder – dann wissen Sie es.“

Wir fahren zu einer jungen Mutter: mit 16 bekam sie ihr erstes Kind, mit 18 Drillinge. Die Stadt hat ihr ein ausgedientes Bahnhofshäuschen zur Verfügung gestellt. Darin reihen sich 4 kleine Zimmerchen aneinander, in der sie mit dem Vater, ihrer Schwester und drei Elternteilen wohnt. Alles ist sehr eng – aber aufgeräumt. Die Drillinge sind sehr unterschiedlich in ihrer Größe: Piotr ist klein, zerbrechlich und zierlich. Hanna weint sehr viel und Pavel ist ein echter Wonneproppen. Piotr musste bereits zwei Mal am Herzen operiert werden. Eine dritte OP steht ihm noch bevor.

 

Die Hauptadern sind zu eng. Daher ist er auch der Kleinste. Wir bringen einen Schuhkarton für den zweijährigen, der aber gerade nicht da ist und Kinderkleidung für die Drillinge. Irena Jara vom Sozialamt begleitet uns. Sie betreut die kleine Familie. Sie ist sehr dankbar für diese zusätzlichen Geschenke. Sie sind ein starkes Symbol der Hoffnung und Verbundenheit. Ein Ausdruck des „Du bist nicht allein“. Immer wieder fällt sie uns um den Hals und bedankt sich überschwänglich.

 

Unsere nächste Station war ein kleines Haus, das von 2 Familien bewohnt wurde. Ein Ehepaar mit drei Kindern in ca. 13 qm, die als Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer dienten, sehr überheizt. Das kleinste Kind, ein Mädchen: vielleicht ein halbes Jahr. Die beiden Großen: ein Junge und ein Mädchen ca. 8 & 9 Jahre. Michaela, so heißt das Mädchen, hatte eine Stoffpuppe mit dicken, pinken Wollhaaren zu Zöpfen gebunden, in ihrem Schuhkarton. Die hat sie gleich an sich gedrückt, sie geherzt, gejubelt und ihr einen Namen gegeben - den konnte ich mir allerdings nicht merken, es war ein polnischer.

Pastor Jan Reichelt von der Unierten Methodisten Kirche hier im Ort erzählt uns, wie er und das Sozialamt die Familien immer wieder besuchen und nach ihnen schauen. Er hat neue Fenster in das Haus einbauen, Wasserleitungen legen lassen und andere kleinere Baumaßnahmen getätigt.

Am Abend gibt es ein Krippenspiel in der Freien Evangelischen Christus-Gemeinde von Pastor Zbigniew Chonacki in Ostròda. Die Kinder der Gemeinde haben ein Krippenspiel vorbereitet. Sie selber werden keine Geschenke erhalten, erst zu Weihnachten: Päckchen, die die Gemeinde selbst gepackt hat. Heute werden WiS-Geschenke verteilt. Der Direktor des Sozialamtes, Kazimierz Wosiek, hat eine Liste von 120 Kindern zusammengestellt aus den ärmsten Familien unter den Sozialhilfeempfängern. Auf die Frage, was ihm die Geschenke bedeuten: „Unvergesslich“ sagt er, „Wenn ich auf der Straße gehe und junge Erwachsene treffe, sagen die zu mir - ‚Ich kenne Sie. Sie haben mir vor fünf Jahren ein Päckchen mit Geschenken gegeben. Danke!‘“ Nach dem Krippenspiel werden die Kinder namentlich aufgerufen und bekommen ihre Geschenke.

Pfarrer Chonacki erzählt uns, dass seine Gemeinde sich sehr stark sozial engagiert: Sie haben viele Familien aus sozial-schwachen Verhältnissen. Vor drei Jahren hat seine Gemeinde einer Familie, deren Kinder Schuhkartongeschenke erhielt, das Haus renoviert. Bei der Verteilung waren sie selbst so schockiert über die Zustände, sodass sie kurzerhand beschlossen, ihr Zuhause wieder aufzubauen.

Am nächsten Morgen besuchen wir eine Grundschule in Tyrowo. 114 (bedürftige und namentlich benannte) Kinder aus der dörflichen Umgebung werden beschenkt. Die Freude ist auch hier groß.

Anschließend begleiten wir Irina Jara von der Sozialstation in Symkowko zu drei Familien. Wir erfahren, dass jeder zweite Erwachsene im Ort arbeitslos ist. Ich besuche mit der polnischen Sozialarbeiterin eine Familie, deren jüngster Sohn an einem Hirntumor operiert worden war und eine Behinderung zurück behalten hat. Teilnahmslos lässt er die Ereignisse um sich herum geschehen. Dann sieht er eine Tüte, die ich mitgebracht habe. Darin sind zusätzliche Geschenke und selbst gestrickte Strümpfe. Kaum dass er sie sieht, greift er hinein, nimmt ein Paar und zieht sich prompt einen Strumpf an. Er sitzt perfekt. Eine kurze Pause folgt – und in dem Jungen arbeitet es: der zweite Strumpf gehört auch noch auf einen Fuß. Er zieht ihn an und schaut an seinen Füßen hinunter. Seine Mutter ist sprachlos: sie kann nicht fassen, dass er so deutlich reagiert.

Am Abend sind wir in einer Sozialstation für Kinder in Symkowko. Dort erhalten die Kinder warme Mahlzeiten, Nachhilfe und Hausarbeitenbetreuung, sie können spielen und finden Freunde. Auch hier beginnt die Verteilung mit Weihnachtsliedern und Gedichtvorträgen der Kinder. Als alle um die 50 Kinder beschenkt sind steht eine Mutter auf und bedankt sich, dass Menschen aus Deutschland an ihre Kinder in Polen denken. Eine zweite Mutter stimmt in ihr Lob ein. Am Ende des Abends sagt Irina„Das Päckchen ist nur ein Tropfen – aber ohne es würde uns etwas fehlen.“ Da sagt jemand: „Ja – aber auch ein Tropfen zieht Kreise.“

Mit Pastor Reichelt besuchen wir die Grundschule in Wygoda. Die Kinder kommen aus dem kleinen Ort und den umliegenden Dörfern. Die Arbeitslosigkeit ist hoch.

Nachdem die Kinder ihre Päckchen erhalten hat, gehen sie in die Klassenräume. Bei den Kleinsten herrscht lautes Gejubel, bei den Großen geht es etwas leiser zu, aber die Freude ist ungebrochen.

Auf dem Rückweg fahren wir durch einen Wald und kommen an einem alten Friedhof mit einer kleinen Urnenkapelle vorbei. Die Gräber davor haben zum Teil keine Grabsteine mehr, aber auf jedem gibt es bunte Plastikblumen. Pastor Reichelt erzählt uns, dass dies ein alter deutscher Friedhof ist. Doch die in Deutschland lebenden Nachkommen haben keinen Bezug mehr dazu. So helfen ihm die beschenkten Kinder von „Weihnachten im Schuhkarton“ ihn zu pflegen, aus Dankbarkeit gegenüber den deutschen Spendern.

Die Verteiler-Reise nach Polen war für mich der Beweis, dass die Aktion "Weihnachten im Schuhkarton" - auch wenn sie nur ein Mal im Jahr durchgeführt wird, eine durchaus nachhaltige Wirkung auf alle Beteiligten hat. Hieraus entwickeln sich oft neue Kontakte und neue Projekte, die den Menschen vor Ort wieder Hoffnung für ihr Leben geben.

Für mich ist klar - auch im Jahr 2012 werde ich für Weihnachten im Schuhkarton aktiv sein und würde mich sehr freuen, wenn auch Sie mich dabei wieder unterstützen würden.

Auf diesem Wege möchte ich mich bei allen Spendern für 875 Schuhkartons und Spenden in Höhe von 1.927,50 € bedanken.

Mit freundlichem Gruß

Ihre

Inge Koy

(Dieser Bericht basiert auf eigenen Erlebnissen und Auszügen des Reisetagebuches von Frau Diana Molnar, Leiterin und Begleiterin der Verteilerreise)

 

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